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Zusammenfassung "Eine Sternschnuppe fiel vom Himmel"

Verfasst: 01.12.2024, 08:00
von Sandra
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Menschenskind, begreifst du denn nicht, daß dies der helle Wahnsinn ist?" sagte Klaus. Und das war das Dümmste, was er sagen konnte.

Wenn man versuchen will, einem jungen Mädchen, und noch dazu einem glühend leidenschaftlichen jungen Mädchen, eine fixe Idee auszureden, so muß man es ganz anders anfangen. Vielleicht wäre es Klaus geglückt, hätte er es über sich gebracht, sich ruhig und leise zu verhalten, wenn er ungefähr gesprochen hätte: "Komm, setz dich zu mir, Schatz, komm in meine Arme und laß uns über diese Sache reden."

Ria hätte sich dann sicher in seine Arme gekuschelt, denn das war in den letzten fünf Jahren ihr Lieblingsplatz gewesen. Und vielleicht hätte sie auf ihn gehört, würde er ungefähr folgendes gesagt haben:

"Natürlich hast du ein schauspielerisches Talent, liebe Ria. Du warst wirklich süß, heuer im Frühjahr bei der Wohltätigkeitsvorstellung und ich will durchaus nicht abstreiten, daß du vielleicht Karriere machen könntest. Aber siehst du, Liebling, ich glaube, so eine Kombination von Schauspielerin und Arztfrau ist ungeheuer schwierig. Gesetzt den Fall, ich bekomme eine Anstellung als Bezirksarzt in einer Einöde, während du zum Beispiel an ein Theater in Oslo gebunden bist: Was sollte da wohl aus unserer Ehe werden? Glaubst du, du könntest gute Kunst geben und Konzentration aufbringen, die ein so anspruchsvoller Beruf nun einmal erfordert, wenn du wüßtest, daß dein armer Mann hoch droben im Norden sitzt und sich nach seinem Frauchen sehnt?"

Vielleicht hätte so eine kleine Ansprache Ria zum Nachdenken veranlaßt. Und wenn Klaus sie geküßt und ihr gesagt hätte: "Ich bin mir klar darüber, daß es ein schreckliches Opfer ist, um das ich dich bitte, Ria, aber willst du es mir bringen? Hast du mich so lieb, daß du dies kannst?'' Ja, da wäre wohl eigentlich schon alles gewonnen gewesen.

Aber Klaus sagte nichts von alledem, denn er war noch kein erfahrener Diplomat. Er war ein noch recht grüner, junger Arzt, fünfundzwanzig Jahre alt und noch nicht fertig mit seinem Assistentendienst im Krankenhaus zu Lerstad. Und er war bis über die Ohren in Ria verliebt. Unzählige Male hatte sie sich in seine Arme gekuschelt und geplaudert: "Wenn wir heiraten, wenn du deine eigene Praxis hast und wenn wir einmal Kinder bekommen, Klaus –" Und Klaus hatte sich so sicher gefühlt, sicher, was Ria und die Zukunft betraf.

Nun aber platze wie eine Bombe dieses herein: Ria, seine eigene kleine Ria, war hinter seinem Rücken zu einem Theaterdirektor gegangen und hatte sich prüfen lassen. Und nicht einmal zu dem richtigen, bekannten Direktor von Lerstads Theater, nein, zu dem Chef eines kleinen, neuen Unternehmens, von dem kein Mensch etwas wußte. Und dann hatte sie Klaus ganz einfach mitgeteilt, sie habe ihre Bürostellung gekündigt und werde in vierzehn Tagen bei "Unsere kleine Bühne" als Elevin anfangen.

Das war zuviel für Klaus. Als erste Reaktion hätte er Ria am liebsten übers Knie gelegt und ihr auf diese Weise Vernunft eingebläut. Dazu fühlte er eine geradezu überwältigende Lust. Er bezwang sich zwar, damit aber war sein Vorrat an Selbstbeherrschung aufgebraucht. Er schimpfte und verhöhnte Ria, er war höchst undiplomatisch und jung, und schrecklich enttäuscht.

Aber jedes neue höhnische Wort verstärkte nur Rias Trotz. "Tu bloß nicht so, als hättest du es· nicht gewußt", sagte Ria aufgebracht. "Du weißt sehr gut, daß ich jahrelang Rollen studiert habe. Du weißt auch, daß ich vor dem Direktor von Lerstads Theater probte -."

"Gewiß. Und ich weiß auch, was er sagte! 'Sie sind zu jung', äußerte er, 'als daß ich schon definitiv urteilen könnte. Vorläufig spielen Sie ganz gut auf einer Liebhaberbühne. Studieren Sie mal eine richtige Jungmädchenrolle, wie sie für Ihr Alter paßt, und kommen Sie dann wieder.' War es nicht so?"

"Ganz recht. Du erinnerst dich erstaunlich gut! Du weißt aber auch, daß ich eine Karte des Theaterdirektors erhielt, auf der er schrieb, er erwarte mich Mittwoch um fünf Uhr. Aber Vater nahm die Karte in Empfang und sperrte mich daraufhin in mein Zimmer ein."

"Ja, weil du für dein Abitur arbeiten und nicht ins Theater rennen solltest, um zu proben. Das weiß ich alles sehr gut, und ich stimmte mit deinem Vater völlig überein."

"Was du nicht sagst!"

"So ein Theaterfimmel ist eine Kinderkrankheit, Ria, genau wie Masern und Verseschmieden und die erste Verliebtheit. Das geht vorüber."

"Ganz recht, das Gefühl habe ich auch, nämlich, daß du es fertig bringst, daß meine erste Verliebtheit vorübergeht. Ich glaube, ich merke es schon", erwiderte Ria eiskalt.

"Ria, weiß Gott, ich glaube, du bist besessen! Du warst ja wirklich ganz gut bei einigen Schulaufführungen, du sahst tatsächlich süß aus bei dieser Wohltätigkeitsveranstaltung, aber, du lieber Himmel, jetzt will das Mädel aus so einem Hobby Ernst machen! Sie kündigt ihre gute Stellung, begibt sich in Unsicherheit und baut die Zukunft auf etwas so Wackligem auf, wie es ein eventuelles Schauspieltalent ist! Hobbies haben wir alle; meins ist Fußball. Was würdest du wohl sagen, wenn ich meinen Arztberuf an den Nagel hängen und statt dessen professioneller Fußballer würde?"

"Idiot!" reagierte Ria schnippisch.

"Nein, das bist eher du. Du bist blind und verblendet und so trotzig wie ein Kind!"

"Du bist gerade der Richtige, um von Trotz zu reden!"

Von da an artete das·Gespräch in reines Gezänk aus. Beide wurden immer wütender und die Worte immer häßlicher, die sie einander ins Gesicht schleuderten. Und es endete so, wie es eben enden mußte: Ria riß den Verlobungsring vom Finger und warf ihn Klaus vor die Füße - Klaus ging und schlug die Tür hinter sich zu.

Dann stand das angehende kleine Sternchen Ria Jerring wütend und allein im Zimmer, einen schmalen weißen Streifen am Finger, da, wo der Ring gesessen, der sie an Doktor Klaus Geyer gebunden hatte.

Das Gespräch mit ihrer Stiefmutter Hedwig war dann auch kein Honiglecken. Die hatte zwar nicht die gleichen Worte gebraucht wie Klaus, aber ihr Entsetzen war nicht weniger groß gewesen.

"Mein Gott, wenn dein Vater das wüßte, Ria! Wie du so etwas nur tun konntest, und ohne mir etwas zu sagen, ohne dich von irgend jemand beraten zu lassen. Was weiß du denn von diesem Theaterunternehmen? Es ist unverantwortlich von dir!"
Es nützte nichts, daß Ria erklärte, 'Unsere kleine Bühne' solle ein literarisches Theater werden, nicht nur ausschließlich eine Unterhaltungsbühne.

Sie fand kein Verständnis. Da wurde sie ungeduldig und böse. Sie gebrauchte verletzende Ausdrücke wie 'altmodisch' und 'stockkonservativ'. Schließlich stand Hedwig auf, ganz weiß im Gesicht. "Ria, ich bedaure nur, daß du zu alt bist, um dich noch übers Knie legen zu können!"

Damit ging sie aus dem Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Es war die zweite Tür, die sich vor Ria schloß, weil sie zur Bühne gehen wollte.
***
Ria kannte ihre Rolle in- und auswendig sie war sicher wie ein Fels, und die Repliken fielen genau wie sie sollten. Bis –.

Sie wußte nicht, wovon es kam, begriff nicht, wie es vor sich ging, daß ihr Gehirn plötzlich leer war.

Sie stand auf der Seite von Frau Reese, die die Freundin Anny spielte, sie wußte, jetzt sollte die Replik kommen, die eine neue Szene einleitete, aber sie hatte plötzlich keine Ahnung, was sie sagen sollte, ihr Kopf war leer, absolut leer.

Unten im Souffleurkasten flüsterte Tante Katrine, die Souffleuse, mit dem Kopf ganz über dem Bühnenboden, aber Ria verstand kein einziges Wort.

Dann aber sprach Frau Reese, ihre bühnengewandte Stimme übernahm Rias Replik.

Natürlich, das hätte sie sagen sollen: "Sie werden sich hier sicher wohl fühlen, Donna Lucia, Anny und ich werden Sie gern herumführen ..."

Ja, jetzt war sie wieder drin, und das Spiel ging weiter. Rias Herz aber schlug wie ein Trommelwirbel in ihrer Brust, und sie begriff nicht, wie sie den ersten Akt überstand. Ihr graute vor den Kommentaren, vor den ärgerlichen Worten der Kollegen.

Aber es kam anders: Kleines gutmütiges, verständnisvolles Lächeln, einige harmlos neckende Worte.

"Ach was, das haben wir doch alles selbst erlebt", lachte Frau Reese. "Und es war auch so durchaus gleichgültig, welche von uns beiden die geistreichen Worte sagte."

Das Spiel ging weiter, der Vorhang, fiel und Ria war mit den anderen zusammen auf der Bühne. Sie verneigte sich und hielt zwei Blumensträuße in der Hand.

Der eine war vom Theaterdirektor, der andere von – Klaus!
***
"Die Debütantin Ria Jerring sah süß aus. Mehr ist darüber nicht zu sagen."

"Der Abend brachte auch ein Debüt. Die junge Ria Jerring spielte eins der jungen Mädchen, ohne daß dies einen besonderen Eindruck hinterließ."

"Es war ein munterer Abend. und die Debütantin Ria Jerring hatte auf eine sehr überzeugende Art Lampenfieber."

Die Zeitungen zitterten in Rias Hand. Sie hatte sich die beiden Morgenblätter frühzeitig geholt, und das waren die beiden, die gesagt hatten, daß sie süß ausgesehen und daß ihr Spiel keinen besonderen Eindruck hinterlassen hatte.

Jetzt saß sie da, mit den drei Abendblättern vor sich. Die größte und am meisten gelesene Zeitung hatte sie sich bis zum Schluß aufgehoben. Es war das Blatt, das alle die lasen, auf deren Meinung man Gewicht legte, und auch Klaus las es jeden Tag.

Ria preßte die Hände aneinander: Ach, wenn doch etwas Gutes darin stände! Lieber Gott, laß es bitte eine gute Kritik sein, laß darin stehen, daß ich Talent habe –.

Sie entfaltete das Blatt, suchte – ah, da stand es! Der Anfang war gut. Benny Höft wurde gelobt, Bernhard Carlsen, der die falsche Tante spielte, erhielt ebenfalls ein Lob, und Rolf Carstens freundliche Worte. Und dann kam es:

"Rolf Carstens' Leistung ist um so lobenswerter, wenn man in Betracht zieht, daß er als Partnerin eine äußerst hilflose junge Debütantin hatte. Wer in aller Welt ist schuld daran, daß es Ria Jerring erlaubt wurde, ihre Füße auf eine Bühne zu setzen? Es ist schade um das nette junge Mädchen, und jemand sollte ihr das sagen, ehe es zu spät ist."
***
Die Schauspieler von 'Unsere kleine Bühne' sahen sich nach neuen Engagements um. Es war nun sonnenklar, daß es nur noch eine Frage von Tagen, höchstens von Wochen sein konnte, bis 'Unsere kleine Bühne' in die Theatergeschichte unter der Rubrik 'mißglückte Unternehmen' eingegangen war. Sie suchten und suchten, und die meisten hatten Erfolg. Ende Februar hatten alle mehr oder minder gute Engagements für Anfang Herbst bekommen. Alle außer Ria.

Sie konnte nicht eine einzige gute Kritik vorzeigen, konnte nicht eine einzige ordentliche Rolle nennen, in der sie aufgetreten war. Ein Dienstmädchen hier, ein Backfisch in einem Schwank dort. Keine einzige Rolle, in der sie hätte zeigen können, daß sie etwas konnte.

Was sollte sie tun? Sie mußte Henning fragen. Er wußte sicher Rat. Vielleicht konnte er ihr eine Statistenrolle in einem Film verschaffen. Ja, natürlich – Film war das Richtige. Sie sah doch gut aus, das hatten ihr viele gesagt, vor allem auch ihr Spiegel.

Bald war nun auch Hennings Gastspiel vorbei. 'Annie, hol das Gewehr' war unerwartet lange gelaufen. Nachher hatte Henning in 'Patsy' gespielt und ab Weihnachten hatte das 'Dreimäderlhaus' mit Henning in Schuberts Maske volle Häuser gebracht.

Henning hatte kein Wort über seine Zukunftspläne gesagt. Ria fühlte eine kleine Unruhe in sich. Es gab etwas, woran sie nicht zu denken wagte, etwas, das sie peinigte ...
***
Hennings Tür war an diesem Abend unverschlossen. Er saß schon in einem blauseidenen Hausmantel auf der Couch und rauchte nervös an einer Zigarette.

Ria setzte sich neben ihn. Diese Stimmungen kannte sie in letzter Zeit schein bei ihm. Sie zündete sich ebenfalls eine Zigarette an. Seit einiger Zeit war sie es, gewohnt, daß er ihr kein Feuer mehr reichte. Ja, und eigentlich waren sie auch schon seit längerem nicht mehr so häufig miteinander ausgegangen. Komisch, daß ihr das gerade jetzt durch den Kopf ging. Ein kleines Unbehagen beschlich sie plötzlich.

Es war nicht nur das Henning schien ausgesprochen schlechter Laune.

"Was willst du?" hatte er sie zur Begrüßung gefragt und ohne eine Antwort abzuwarten, zwei Gläser mit Cognac gefüllt. Eine Weile tranken sie schweigend miteinander, Ria. wußte nicht, wie sie mit ihrem Problem anfangen sollte. Sie tranken noch ein Glas, und das ziemlich schnell.

"Was soll ich denn jetzt machen, Henning? Unser Theater schließt nun bald", brachte sie endlich hervor.

"Denk jetzt mal nicht daran, Püppchen ..." Hennings Stimme war plötzlich weich und betörend wie damals, ganz Anfang, als sie ihn das erste Mal getroffen und er sie nach Hause gebracht hatte. "Denk jetzt mal nur daran, wie gut ich mich die ganze Zeit beherrscht habe." Er saß ganz nahe bei ihr und strich wie zufällig mit der Hand über ihr Knie.

Ria versuchte, ihr Zittern zu verbergen. Nicht das jetzt, o Gott, nicht gerade jetzt! Aber sie ließ ihn gewähren.

"Was soll ich jetzt tun, Henning?" fragte sie noch einmal und versuchte, ihrer Stimme einen natürlichen und sachlichen Klang zu geben. Das Herz klopfte ihr bis zum Halse hinauf.

"Du könntest zum Beispiel das tun", flüsterte Henning heiser und riß sie an sich. Sie fühlte einen heißen Mund auf ihrem Nacken, fühlte sich in einer Welle hinweggeschwemmt, sie brauchte nur die Augen zu schließen ... Aber da war plötzlich wieder diese lästige Stimme in ihrem Inneren, die sie warnte, sie zwang, anders zu handeln. Behutsam löste sie sich aus Hennings Armen.

"Nein, Henning, nicht jetzt."

Er war mit einem Ruck aufgesprungen.

"Ja, wir wußten ja doch, daß es diesen Weg gehen würde", sagte er plötzlich sehr kühl und sachlich, und es war nicht gleich zu ersehen, ob er damit das Theater meint oder sie beide. "Ist natürlich traurig. Aber du bist ja gut daran mit deinem Abitur. Das ist mehr, als ich habe. Und du hast ja auch eine kaufmännische Ausbildung, nicht? Na also, da kannst du immer was zu tun bekommen. Du brauchst nicht zu verhungern."

"Was wirst du denn machen, Henning, wenn dein Gastspiel hier beendet ist?" Die Frage kam mit einer erschrockenen, spröden kleinen Stimme.

"In Dänemark filmen. Der Kontrakt wurde heute unterzeichnet."

Ria schluckte. "Könntest du nicht glaubst du nicht – kann ich nicht eine kleine Rolle im Film bekommen? Bloß eine ganz kleine Rolle, als Statistin?"

Henning stand ärgerlich auf.

"Ach, hör doch auf! Du willst doch nicht, daß ich mich bei der dänischen Filmgesellschaft mit einer Art von Ultimatum einfinde und erkläre, die da müßt ihr auch mitspielen lassen."

Rias Augen standen voller Tränen. Sie saß noch auf dem gleichen Platz wie zuvor, keiner Bewegung fähig. Wie dumm, wie schrecklich dumm und naiv sie doch gewesen war! Aber sie konnte es noch immer nicht begreifen, daß dies nun das Ende sein sollte.

"Du meinst also, daß wir – daß ich – daß wir nicht –. "

"Herrgott, Kleines, du hast doch die ganze Zeit gewußt, daß es nicht so weitergehen konnte. Und was war da schon? Wir haben es riesig nett zusammen gehabt, und nun wollen wir wie erwachsene Menschen voneinander scheiden, ohne Tränen und Krach. Nicht wahr?"

Ria fuhr zusammen. Er hatte ja wohl im Grunde recht, aber da war etwas Neues in seine Stimme gekommen, ein ganz unnötig ordinärer, ungeduldiger, beinahe roher Ton.

Sie konnte eigentlich zufrieden sein: Daraus war sie noch mal mit heiler Haut davongekommen. Aber Ria fühlte sich trotzdem beschmutzt und auf unbegreifliche Weise gedemütigt. Noch immer saß sie wie gelähmt auf ihrem Platz und kämpfte die Tränen hinunter.

"Also um Himmels willen, Puppe, mach bloß keine Szenen! Morgen ist auch noch ein Tag, und wer weiß, was der bringt."

"Ich weiß genau, was er dir nicht bringt", sagte Ria. Sie stand jetzt mitten im Zimmer, ganz weiß im Gesicht. "Der bringt dir weder gestopfte Strümpfe noch gebügelte Hemden, und wenn er dir ein weibliches Wesen fürs Bett bringen soll, so mußt du dich anderweitig umschauen, denn ich bin das jedenfalls nicht."

"Himmel, wie theatralisch!" murmelte Henning Ask, als sich die·Tür hinter Ria schloß. "Ja, mich anderweitig umschauen. Das dürfte nicht nötig sein."

Er ließ sich auf die Couch zurücksinken, drehte sich auf die Seite und war gleich darauf eingeschlafen.
***
Fortsetzung folgt…

Zusammenfassung "Eine Sternschnuppe fiel vom Himmel" 2

Verfasst: 09.12.2024, 05:39
von Sandra
Eine Sternschnuppe fiel vom Himmel - Teil II

Ria war schrecklich müde.

Sie hatte nicht geahnt, daß es so anstrengend war auf Tournee zu gehen. die Koffer aus- und einzupacken, die·Nächte in stickigen Kajüten zu verbringen, die Tage in immer anderen Hotels. Und es waren ja keine erstklassigen Hotels, die sich das Ensemble erlauben konnte.

Ab und zu gab es zwei oder drei Vorstellungen in derselben Stadt. Da lag dann Ria in ihrem Hotelbett bis lange in den Vormittag hinein, versuchte zu schlafen, sich zu entspannen. Oder sie ließ sich Zeitungen heraufbringen, um sie mit bebendem Herzen zu lesen.

Der große Erfolg ließ auf sich warten. Die Vorstellungen wurden mit Wohlwollen aufgenommen, denn diese Kleinstädte hatten ja kein festes Theater. Es gehörte nicht zu den Seltenheiten, daß sie ein volles Haus hatten. Aber die Kritiken –

"Ria Jerring·spielte·die Titelrolle, und übrigens die einzige weibliche Rolle. Fräulein Jerring sieht reizend aus und hat eine sehr brauchbare Gesangstimme–, aber man vermißt die Frische und natürliche Unbekümmertheit, die diese Rolle verlangt. Fräulein Jerring ist zu steif und unfrei." Das stand in Lillesunds Tageblatt.

Und das wiederholte sich von Stadt zu Stadt. In der Nyfjord Zeitung war der Kritiker besonders schlimm. "Wie man ausgerechnet Ria Jerring für die Rolle der 'Dorine' wählen konnte, ist rätselhaft. Gutes Aussehen und eine gute Gesangstimme sind nicht genug. Was Ria Jerring spielt, ist nicht einmal mittelmäßiges Amateurtheater."

Die Wochen vergingen. Aufreibende Wochen, aber sie brachten so viel Geld ein, daß das Ensemble sich, halten konnte. Ria jedoch war mager und blaß geworden und immer müde.

An einem glitzernden Aprilmorgen kamen sie nach Fjellsund. Sie setzten gerade darauf große Erwartungen. Fjellsund hatte ein weites Hinterland, und eben war ein Bauerntreffen in der Stadt. So konnten die Wirtsleute ihren Gästen etwas bieten. Die kleine Truppe kam ihnen sehr willkommen. Es war für vier Tage im voraus ausverkauft. Sonntags sollten sie sogar zwei Vorstellungen geben.

Die Aufführung verlief auch besser als gewöhnlich. Das volle Haus und das dankbare Publikum wirkten inspirierend Ria wurde schmiegsamer, spielte unbefangener und leichter als je zuvor. Die Kritiker waren auch milder gegen sie als sie es gewohnt war. Von großer Begeisterung war zwar·nichts zu lesen, aber das Wenige, was da stand, war wenigstens freundlich. So freundlich, daß Ria guten Muts zur nächsten Vorstellung hätte gehen können, würde sie sich nicht so elend und krank gefühlt haben.

In der Nacht hatte sie sich übergehen müssen, und jetzt, im Laufe des Vormittags fühlte sie·sich fiebrig und unwohl. Sie hatte widerwärtige Schmerzen im Unterleib, und die wurden von Stunde zu Stunde stärker. In der Pause wurde ein Arzt geholt. Ria bekam eine Spritze, die ihr die Schmerzen für ein paar Stunden nahm. Den dritten Akt spielte sie halb betäubt.

Als sie nach dem Fallen des Vorhangs zurücktrat, sank sie zu Boden, und als sie wieder zu sich kam, lag sie in voller Kriegsbemalung und in Dorines Kostüm auf einer weißen Bahre in einem Krankenauto. Sie wußte selbst ganz genau, was ihr fehlte, sie war nicht umsonst mit einem Mediziner verlobt gewesen. Es war eine akute Blinddarmentzündung.
***
In dem stillen kleinen Krankenzimmer saß Doktor Lanton in einem Korbstuhl. Seine Hand hielt die kleine schmale Hand Rias. Doktor Lanton saß schweigsam und ruhig da und hörte aufmerksam zu.

Ria erzählte. Erzählte von ihrem Theaterfimmel, von ihrem Vater, der wütend geworden war, weil sie ihre Hausaufgaben über ihrem heimlichen Rollenstudium versäumte. Sie erzählte von Klaus und Hedwig, wie sie bei ihrem Engagement bei "Unsere kleine Bühne" reagierten: "Ich bedaure nur, daß du zu alt bist und ich dich nicht übers Knie legen kann."

Sie erzählte von den schlechten Kritiken, von der Plage und dem Kampf ums Dasein bei dem kleinen Theater. Dann machte sie eine kleine Pause, und als sie wieder spracht, tat sie es mit angestrengter Stimme.

"Und nun muß ich Ihnen etwas erzählen, wofür Sie mich verachten werden. Aber – ich muß - ich muß auch das los sein."

"Mein Kind", sagte Doktor Lanton, und es war Musik in seiner Stimme, „liebes Kind, ich werde Sie bestimmt nicht verachten. Vielleicht ahne ich schon im voraus, was Sie mir erzählen wollen."

Ria biß sich auf die Lippen und atmete schwer.

"Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll –"

„Vielleicht kann ich Ihnen helfen, Kleine. Sie haben mit einem Schauspieler ein Verhältnis angefangen, nicht wahr?"

"Beinahe", flüsterte Ria.

"Sie haben ihn geliebt, oder vielleicht haben Sie es sich eingebildet? Es war gewissermaßen so erwachsen, eine Freundschaft mit einem Schauspieler zu haben. Vielleicht war es auch ein bekannter Schauspieler? Ja, sehen Sie, so war das also eine Sache der Eitelkeit. Und höchstwahrscheinlich hat er Sie gründlich ausgenützt?"

"Ja. Aber woher wissen Sie das alles?"

„Weil diese ,Geschichte so alt wie Methusalem ist", entgegnete Doktor Lanton lakonisch. "Sie sind eine unter Millionen' von jungen Frauen, die so etwas erlebt haben."

"Ich – ich komme mir so abscheulich, so beschmutzt vor", murmelte Ria.

"Ja, das verstehe ich. Aber sind Ihre Gefühle nicht ein wenig übersteigert? Sie sagten vorhin ,beinahe', also war es gar kein richtiges ,Verhältnis', sondern nur eine enge Freundschaft, die für die Umwelt wie ein Verhältnis aussehen mußte. Das kann natürlich in der praktischen Auswirkung ebenso nachteilig sein, aber maßgebend allein für Sie ist doch Ihr eigenes Gewissen. Sie brauchen sich also nicht beschmutzt und abscheulich vorzu­ kommen, kleine Ria, nur leider etwas zu naiv für diese häßliche Welt. Und was Sie vielleicht am meisten kränkt, ist verletzte Eitelkeit, nicht wahr? Sie haben nicht das erreicht, was Sie sich erträumt und Ihrer Ansicht nach verdient hatten –. Nein, werden Sie bitte jetzt nicht böse, Kleine. Wir müssen die Dinge klar beleuchten, wenn ich Ihnen helfen soll."

Ria hatte dem Arzt mit großen Augen zugehört und ihn nicht mehr unterbrochenen. Es tat gut, wenn einem jemand sein Inneres wieder mal zurechtsetzte. Er hatte ja recht: Naiv war sie gewesen, reichlich naiv und dumm, das mußte sie zugeben. Und vor allem auch eitel, in mancherlei Hinsicht zu eitel, damit mußte sie fertig werden. Ach, sie war ja auf dem besten Wege, sich selber endlich klar sehen zu lernen!

„Jetzt wollen wir aber vorwärts schauen, nicht wahr?" sagte der Arzt dann gütig, „Haben Sie schon Pläne für die Zukunft?"

"Nein, keine. Am liebsten würde ich ein ganzes Jahr ununterbrochen schlafen."

"Schlafen! Ein Jahr des kostbaren, kurzen Menschenlebens wegwerfen? Sie sind mir ja die Richtige! Hören Sie zu, Kleine: Was für eine Ausbildung haben Sie denn?"

"Abitur und Handelsschule."

"Sieh mal an! Sie können also Maschineschreiben und Steno?“

„Ja, Natürlich.“

„Und dank Ihrem Klaus schnappten Sie allerhand auf, was mit Medizin zu tun hat.“

„Ja, doch. Klaus hatte ein Mikroskop daheim und einmal lehrte er mich, rote und weiße Blutkörperchen auszuzählen. Und – ja, ich lernte auch Blutzellen im Abstrich zu unterscheiden.“

„Bewahre, Mädchen, das ist ja fast zu gut, um wahr zu sein! Warum haben Sie übrigens all das gelernt?“

„Ach, Klaus war davon so gefesselt, und ich war verliebt. Übrigens fand ich es vergnüglich zu denken, daß Blutzellen so hübsch aussehen können! Ich behauptete immer, daß Eosinophile wie Himbeeren aussehen, mit einem blauen Kern in der Mitte. Es war nur zu ärgerlich, daß immer so wenige davon da waren. Ich nahm Blut aus meinen eigenen Fingerspitzen und färbte es, und Klaus sagte immer, wenn so wenig ‚Himbeeren‘ in meinem Blut wären, so komme das daher, daß ich zu gesund sei.“

„Hören Sie mal, Kleine", sagte Doktor Lanton plötzlich, "würden Sie gern eine Stellung antreten, sobald Sie hier aus dem Krankenhaus entlassen sind? Einen Posten, wo Sie Steno und Maschineschreiben erledigen müßten und wo Sie Ihre Kenntnisse in der Färbung von Präparaten und deren Auswertung auffrischen könnten, wo Sie außerdem sehr viele ,Himbeeren' in den Abstrichen finden würden?"

Ria sah den Arzt mit großen Augen an. "Meinen Sie hier, im Krankenhaus?'' fragte sie zögernd.

"Nein, ich meine ... bei mir zu Hause. Ich hin ein komischer alter Knacker, wissen Sie. Ich bin so frei mir einzubilden, daß ich eine ganze Menge über Leberkrankheiten herausgefunden habe. Jetzt ersticke ich fast in Blutabstrichen, teilweise von Meerschweinchen und teilweise von Menschen. Und ich ersticke in unordentlichen Notizen und halbfertigen Auswertungen. Ich bin schrecklich unordentlich und brauche daher eine Sekretärin, die Ordnungssinn hat."

"Den habe ich!" rief Ria mit leuchtenden Augen.

"Mit Kenntnissen in Deutsch und Englisch?"

"Die habe ich.“

"Und vielleicht auch ein wenig Latein?"

"Habe ich"

"Und eine Ahnung von Mikroskopierung?“

"Die habe ich."

"Und Freude an Forschungsarbeit?"

"Die habe ich am allermeisten!''

"Na sehen Sie", sagte Doktor Lanton trocken, "Sie haben ja alles, was ich brauche."

"Ich habe aber noch etwas anderes", erinnerte Ria, und Röte überflutete ihr Gesicht, "etwas, das Sie mit in den Kauf nehmen müßten: Ich habe einen verdorbenen Ruf."

"Hier in Fjellsund ist er nicht verdorben, und Sie sollten es nur wagen, ihn sich hier zu verderben! Da würden Sie es mit mir zu tun bekommen."
***
Bei Mathias Ryder war Gesellschaft. Frau Vera feierte ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag. Ria hatte ein neues Abendkleid an und trug ihre schönen Perlen.

"Daß Sie es mit mir aushalten", hatte sie zu Lanton gesagt, ehe sie ging. "So ausschweifend, wie ich geworden bin!"

"Ja, Gott sei Dank'', lächelte Lanton väterlich. "Sie haben viel nachzuholen. Ich mache mir schreckliche Vorwürfe, daß ich Sie monatelang wie in einem Gefängnis gehalten habe."

"Nun, jetzt bin ich jedenfalls nicht mehr im Gefängnis", lachte Ria.

"Liebes Kind, Sie arbeiten wie ein Kuli den ganzen Tag, und da sollten Sie am Abend nicht ohne schlechtes Gewissen ausgehen können? Sie sind ein kleiner Quatschkopf. Amüsieren Sie sich nur recht gut. Wenn ich mich nicht irre, ist es Ihr Chris, der gerade draußen hält.“

Nein, der Doktor irrte sich nicht. Chris Ryders cremefarbener Wagen hielt soeben – und Chris kam den Gartenweg entlanggegangen.

„Guten Abend, Herr Doktor. Hallo, Ria! Donnerwetter ja, das nenne ich ein Kleid Da wirst du allen Männern die Köpfe verdrehen und die Mädchen grün vor Neid machen. Nicht wahr, Herr Doktor? Wir können mit diesem Mädel schon ganz zufrieden sein."

Er drehte sie herum wie einen Kreisel, so daß der weite Rock des Abendkleides wie eine Krinoline um sie stand. Lanton lächelte. Er hatte tausend muntere Fältchen um die Augen.

"Gewiß doch. Aber daß ein alter Knacker wie ich zufrieden ist, das ist eine Sache für sich. Wenn aber ein so verwöhnter junger Herr wie Sie es auch ist, so muß es ja etwas bedeuten. Na also, dann recht. viel Vergnügen, Kinder!"

Also saß Ria wieder an Ryders Seite in seinem Wagen, in dem sie sich nun schon ganz heimisch fühlte. Es waren nicht wenige Kilometer, die sie in ihm zurückgelegt hatten in den letzten Wochen. Und es waren nicht wenige Stunden, daß der Wagen vor Lantons Gartentür gestanden hatte.

"Du!" sagte Chris Ryder leise und legte seine Hand auf die ihre. Ihre Augen fanden sich.

"Ja, Chris –."

"Du bist direkt zum Auffressen, Ria! Ich bin –."

"Na, was bist du denn?" Ria lächelte ihm neckend zu.

"Verliebt, wenn du es absolut wissen willst."

Ria lachte, ein leises; trillerndes, neckisches Lachen. Das glückliche Lachen einer Frau, dii sich angebetet und begehrt fühlt.

"Fahr jetzt, sonst kommen wir zu spät."

"Das macht nichts. Es ist so lustig, zusammen mit dir hereinzukommen und zu sehen, wie alle Mannsbilder aufleben und alle Mädchen starr im Gesicht werden."

"Daß sie starr im Gesicht werden, ist ja ein Kompliment für dich. Du bist es ja, auf den sie es abgesehen haben, weißt du."

"Gewiß weiß ich das. Kann es auch begreifen. Zunächst habe ich Geld, auch einen guten Namen, und dann hin ich ja auch furchtbar hübsch, nicht wahr?"

Ria lachte laut. Der Aufrichtigkeit von Chris konnte sie nie widerstehen.

Ria freute sich auf diesen Abend. Sie hatte mit Vera Ryder ein paar neue Lieder einstudiert; sie wußte ja, daß sie immer gebeten wurde zu singen. Und sie genoß es, Erfolg zu haben, es war ein Ausgleich für alle Niederlagen, die sie an "Unsere kleine Bühne" erlebt hatte. Wie lange lag das im Grunde schon zurück! Und trotzdem war es erst ein Jahr her, daß sie debütiert hatte und durchgefallen war. Es war gut, mit all dem fertig zu sein. Sie fand, daß sie jetzt auf den richtigen Platz in ihrem Leben gekommen war.
***
Es war spät am Abend. Sie hatten getanzt, dann gespeist und wieder getanzt. Und Ria hatte gesungen. Die Männer hatten begeistert geklatscht, die jungen Mädchen zurückhaltender. Gustav Sommerdal hatte Chris auf die Schulter geschlagen und ihn einen Glückspilz genannt. Und der Reeder Helgesen jun. hatte gesagt: "Ja, der Chris! Der Chris war schon immer ein Feinschmecker." Was konnte er wohl damit gemeint haben–?

Ria saß in einem Lehnstuhl im Gartenzimmer und holte ein bißchen Luft. Da saßen auch Beate und Sigrun Sommerdal, und auch Siss Bredgard, und überhaupt eine kleine Schar von Fjellsund-Jugend.

Ria nahm eine Zigarette, und Beate rief über das ganze Zimmer: "Her mit dem Feuerzeug, Chris, deine Nachtigall braucht Feuer!"

"Armer Chris!" lachte Ria. "Bin ich jetzt seine Nachtigall geworden?"

"Na, wir können ja auch sagen: Doktor Lantons Nachtigall", berichtigte Beate. Es war etwas Unangenehmes in ihrer Stimme.

Ria war immer noch ahnungslos. "Ich glaube, ihr solltet einen besseren Spitznamen für mich finden“, lächelte sie. "Meine Stimme hat verteufelt wenig mit einer Nachtigall zu tun."

„Meine Liebe", sagte Beate, "es war doch nicht die Stimme; an die ich dachte.“ Es entstand eine peinliche Pause. Ria sah erstaunt auf Beate. Dann schoß ihr eine heiße Röte in die Wangen, aber sie zwang sich, ruhig sitzen zu bleiben.

Jetzt beugte sich Siss gegen sie vor.

"lch soll dich von einem gemeinsamen Bekannten grüßen, Ria, jemand, den ich im Sommer kennengelernt habe. Den Filmliebling Henning Ask. Nicht wahr, du kennst ihn? Und gut sogar?"

Ach, dieses verflixte Erröten! Warum mußte sie nun rot werden wie ein Schulmädchen?

"Doch, ja", erwiderte sie, und ihre Stimme war unnatürlich ruhig. "Ich kenne Henning Ask."

Sie bemerkte nicht die Blicke, die die anderen wechselten.

"Ihr wart vielleicht Kollegen in Lerstad?" fragte Sigrun unschuldig.

Ria brauchte nicht zu antworten, das besorgte Siss.

"Aber, meine Liebe, nein! Weißt du denn so wenig vom Theaterleben in Norwegen, Sigrun? Ria war bei dem komischen kleinen Theater, das so rasch eingegangen ist, aber Henning Ask war als Gast am Lerstad-Theater, also einem ordentlichen Theater."

"Merkwürdig! Wie sehr ihr euch plötzlich für Lerstad und mich interessiert“, sagte Ria. Ihr Herz klopfte so stark, daß sie es hören konnte.

"Für dich –? Ach nein, aber für Henning Ask. Wer interessiert sich denn nicht für ihn? Der Herzensbrecher aus mindestens drei Filmen. Himmel, der muß Geld wie Heu verdienen!"

"Das braucht er auch", meinte Titten Helgesen. "Es, ist teuer, ein professioneller Frauenbetörer zu sein."

"Nein, wie spannend! Hier sitzt also jemand, der ihn gut kennt, sozusagen – professionell!" rief Beate. "Gestehe es nur, Ria – wir sterben vor Spannung! – Hast du die schönen Perlen von ihm bekommen?"

Jetzt war Ria nicht länger rot. Sie war weiß im Gesicht vor Zorn und konnte keinen Laut hervorbringen.

Das aber konnte Siss.

„Nein, Beate, wie dumm du aber fragst! Kennst du denn nicht diesen Perlenschmuck? Das ist doch ein Manschettenknopf, einer von dem Paar, das Doktor Lanton zu seinem siebzigsten Geburtstag als Ehrengabe überreicht wurde. Meine Liebe, die ganze Stadt kennt doch diese Perlen!"

„Ja und –?" fragte Ria leise und heiser. „Frage ich euch vielleicht; wo ihr euren Schmuck herhabt?"

"Nein. Aber das würde sich auch nicht lohnen. Keine von uns hat Geschenke auf eine s o interessante Art bekommen. Du weißt, wir sind ganz gewöhnliche, uninteressante Mammakinder. Keine von uns hat es fertiggebracht, einen Freund von siebzig Jahren zu kapern, aber ihr Künstlerinnen, ihr habt natürlich –."

Da schlug es bei Ria ein. Sie hatte einen roten Schleier vor den Augen. Sie erhob sich und stand Siss gerade gegen über. Eine Sekunde schaute sie ihr starr ins Gesicht. Dann hob sie·die rechte Hand und schlug Siss mit aller Kraft auf die Wange.

Ein Schreckensschrei erhob sich. Chris stürzte zu Ria.

"Ria, komm her! Komm doch her, ich muß mit dir. reden! Du darfst doch nicht –"

Aber Ria riß sich los. Rank und schlank und weiß im Gesicht stand sie mitten in dem Gartenzimmer, und als sie sprach, war ihre Stimme spröde wie Glas.

"Daß ihr mich beleidigt, ist am schlimmsten für euch selbst. Ihr habt augenscheinlich keine Mühe gespart, meine Vergangenheit auszukundschaften. Es mag hingehen. Daß ihr für mich in Fjellsund alles verdorben habt, auch das mag hingehen. Nicht deshalb habe ich zugeschlagen. Aber wenn ihr euch untersteht, auch nur ein einziges herabsetzendes Wort über Doktor Lanton zu sagen, da scheue ich vor nichts zurück. Ich pfeife darauf, daß ihr mich beleidigt. Aber ich dulde nicht – hört Ihr: I c h d u l d e n i c h t – ein einziges Wort gegen einen so wunderbaren, so reinen und feinen Menschen wie Doktor Lanton.

Gut, Ihr sollt Bescheid haben. Da spart Ihr euch weitere Mühe. Es ist wahr, daß ich mich als Schauspielerin versucht habe, Es ist wahr, daß ich keinen Erfolg hatte. Es ist wahr – hört ihr, merkt es euch gut, damit ihr es gleich morgen früh in der Stadt verbreiten könnt – es ist wahr, daß ich eine Freundin von Henning Ask war. Habt ihr es auch begriffen? Jawohl, eine Freundin!

Aber es ist auch wahr, daß Doktor Lanton, der alles über mich weiß, ebenso – viel wie ihr jetzt wißt und noch mehr, mir geholfen und mir eine Arbeit gegeben hat, die ich liebe. Und die Perlen, die ich trage, die ich mit demütigem Stolz trage, sind eine Gabe von dem feinsten, edelsten, besten Chef der Welt an eine unendlich dankbare und unendlich unwürdige Sekretärin. Und wer es anzudeuten wagt – bloß anzudeuten, versteht ihr?! –, daß Lanton andere Gefühle für mich hat oder ich für ihn, den könnte ich mit meinen eigenen Händen erwürgen. Und – ich habe Lust, euch alle. anzuspucken, ihr widerwärtigen, boshaften, gutbehüteten kleinen Mammakinder!"

Ria drehte sich auf dem Absatz um und ging. Sie ging hochaufgerichtet, ohne zu wanken, zwischen zwei Mauem von verblüfften Leuten in Gesellschaftskleidern hindurch, aus dem Zimmer, aus dem Haus und aus Fjellsunds Gesellschaftsleben.

Der letzte Autobus stand startbereit. Es war halb ein Uhr nachts. Ria kam gerade zurecht, als er losfuhr. Und so ließ sie Blasundstangen hinter sich.

Sie wußte, daß sie richtig gehandelt hatte. Sie hatte heute Abend eine Schlacht für Doktor Lanton geschlagen. Bei dem Wort "geschlagen" kroch ein kleines Lächeln um ihre Mundwinkel. So–-! Jetzt hatten sie in Fjellsund etwas, worüber sie reden konnten. Sie hatte genug von dem Ganzen. Jetzt wollte sie zurück zu der friedlichen Ruhe im Laboratorium. Jetzt war Schluß mit ihrer Teilnahme am Vergnügungsleben von Fjlellsund. Jetzt hatte sie nur noch Doktor Lanton.
***
Sie schloß leise auf, durchschritt den Gang und sah Licht im Laboratorium. Aber nein doch! Sie schüttelte den Kopf. Arbeitete der Doktor wieder so spät in der Nacht! Daß er es doch nie lernen wollte, vernünftig zu sein.

Auf Zehenspitzen schlich sie sich durch den Gang. Dann hielt sie plötzlich inne: Ein langgezogenes Hundegeheul klang durch das Haus. Rias Herz klopfte laut. Dieses Geheul klang so schrecklich, so unheimlich! Da kam es wieder. Struppi heulte herzzerreißend, und das Geheul kam aus dem Laboratorium. Auf der wachstuchbezogenen Bank in der Ecke lag Doktor Lanton. Er rührte sich nicht, sein Gesicht war von wächserner Blässe überzogen, hatte aber einen unsagbar friedlichen Ausdruck.

Ria trat näher. Behutsam strich sie her Doktor Lantons weiße, kalte Hand. Dann sank sie neben dem Hund auf die Knie und verbarg ihren Kopf in seinem rauhen Fell.
***
Nie zuvor hatte Ria sich so einsam gefühlt.

Schrecklich einsam hatte sie sich gefühlt, als sie damals ins Krankenhaus kam und wußte, daß die Tournee ohne sie weiterriehen mußte. Aber diese Einsamkeit hatte nicht lange gewährt, denn der gütige Doktor Lanton hatte sie daraus befreit. Er hatte ihr Dasein ausgefüllt mit seiner Güte und der interessanten Arbeit, die er ihr gab. Er brachte sie dazu, Verlust und Bitterkeit zu vergessen Der Verlust von Klaus und die Bitterkeit über ihre mißglückte Bühnenlaufhahn. Alles, was Ria besaß an Freundschaftsgefühlen, an Wärme, Hingabe und reiner Liebe, das hatte sie Doktor Lanton gegeben. Bei ihm fand sie Frieden in sich selbst, da war sie in Harmonie mit dem Dasein.

Dann war Chris in ihr Leben getreten und die Erinnerung an Klaus dadurch verblaßt. Sie war vorhanden, aber sie stand nicht mehr so im Vordergrund. Es war nicht mehr so schmerzhaft zu denken, daß Klaus vielleicht schon mit einer anderen verheiratet war.

Und dann verlor sie alles auf einmal: ihren geliebten väterlichen Freund und ihren jungen, scharmanten Freund. Sie verlor ihre Arbeit, und sie verlor ihren guten Ruf. Als sie Fjellsund verließ, hatte sie das Gefühl, daß sie bis auf die Haut ausgeplündert war.

Sie hatte nicht einmal jemanden, den sie zu Rate ziehen konnte, niemanden, der ihr in Zukunft helfen konnte. Sie mußte alles ganz allein bedenken und bestimmen.

Nach Lerstad wollte sie nicht zurück. Also faßte sie den Entschluß, nach Oslo zu fahren.
***
Fortsetzung folgt…

Zusammenfassung "Eine Sternschnuppe fiel vom Himmel" 3

Verfasst: 24.12.2024, 00:58
von Sandra
Eine Sternschnuppe fiel vom Himmel

Teil III


Ria hatte gefrühstückt und ging durch den kleinen Salon des Hotels. Auf dem Zeitungstisch lagen einige Zeitschriften. Eine davon hielt ihren Blick gefangen. Es war eine medizinische Zeitschrift.

Ob wohl ein Nachruf auf Doktor Lanton darin stand? Sie durchblätterte die Zeitschrift: "Neue Wege zur Bekämpfung der bösartigen Gelbsucht." Professor Torfinn Hallberg legte die vorläufigen Ergebnisse seiner Laboratoriumsanalysen vor.

Rias Herz tat einen Hüpfer: Das war ja das, genau das, womit Doktor Lanton sich beschäftigt hatte. Auf einmal sah Ria all die kranken Meerschweinchen vor sich und dachte daran, wie "Lohengrin" und "Tristan" geheilt worden waren. Sie lächelte leise vor sich hin, als sie sich an Lantons Kommentare zu den höchst merkwürdigen Namen erinnerte, die sie den Versuchstieren gegeben hatte.

Sie las und las, und selbst wenn sie längst nicht alles verstand, so war ihr der Stoff doch so bekannt, daß sie folgen konnte. Ein paarmal nickte sie. Es waren die gleichen Ergebnisse, zu denen auch Doktor Lanton gekommen war. Aber dann runzelte sie die Brauen: Nein, dies da war anders. Da hatte Doktor Lanton doch bessere Resultate erzielt. Ach, wenn sie doch medizinisch ausgebildet wäre, da würde sie es besser verstehen!

Dann war ihr Entschluß gefaßt. Es war leicht genug, Professor Hallbergs Adresse zu erfahren. Er hatte eine Privatklinik in Oslo, also brauchte man nur im Telefonbuch nachzusehen.
***
Ria war jetzt viel leichter zumute. Sie hatte das Gefühl, daß ihr Leben doch noch seine Form finden würde. Sie ging den langen Weg von der Klinik ins Hotel zu Fuß zurück. Es war gut; tüchtig zu laufen, die Muskeln zu gebrauchen, müde zu werden. Sie schritt durch die novembergraue Stadt, wo die Menschen, unbekannte, gleichgültige Gesichter, zur Mittagszeit vorbeihasteten. Läden, Cafés, Kinos. An einem Theater vorbei.

Plötzlich blieb Ria stehen: "Die Kirche." Premiere von Nini Roll Ankers "Die Kirche"!

Wer spielte die 'Magdalena'? Ria starrte auf das Plakat.

Magdalena: Benny Höft. Benny! Also hier war Benny gelandet Und Benny sollte die Magdalena spielen, ihre, Rias, Magdalena.

Wann war die Premiere? Donnerstag. Wieder suchten die Augen das Plakat.

Sollte sie –? Nein. Nein, sie vermochte es nicht, eine andere in dieser Rolle zu sehen.

Nein, sie wollte nicht hingehen. Ria ging heim.

Sie blieb standhaft bis Donnerstag nachmittag. Aber Donnerstag um halb sieben stand sie an der Theaterkasse und fragte, ob möglicherweise noch eine Karte zur Premiere zu haben sei.

„Da ist nur – Einen Augenblick, bitte –." Die Kassiererin wandte den Kopf. Jemand war von rückwärts in den Kassenraum getreten. Etwas wurde gesagt, rasend schnell. Ria hörte: „Rotes Plakat – das ist doch höllisch – bei praktisch ausverkauftem Haus!" Es war etwas Bekanntes an der Stimme. Ria beugte sich vor.

Henrik Dehmelt!

Er blickte einen Augenblick auf, und dann gab er einen Laut von sich, eine sonderbare Mischung von Ausruf, Gegurgel und Stöhnen. Er fuhr aus der engen Kasse heraus im Tempo eines Walt Disney­Films. Jetzt stand er vor Ria und hielt ihre Hände, so fest, daß es weh tat.

"Ria, bist du das – Menschenskind, wußtest du es?"

"Ich weiß nichts. Was ist denn?"

„Komm, du mußt die ,Magdalena' spielen."

„Henrik !" Ria schrie es fast.

"Benny ist vor einer Stunde auf der Treppe gefallen und hat sich den Knöchel gebrochen", erklärte der Mann hastig.

„Vor zwei Minuten habe ich zum Direktor gesagt, daß ich in ganz Norwegen nur einen Menschen kenne, der einspringen und die Rolle ohne Probe übernehmen könnte. Ria, Mädchen, du kannst doch? Du kannst die Rolle noch?"

"Ja. Henrik, ja, ja", erwiderte sie wie eine Träumende.
***
Ria fuhr hoch: Es hatte an ihre Tür geklopft.
"Fräulein Jerring, Sie müssen entschuldigen, daß ich Sie wecke, aber es ist zehn Uhr, und jetzt kann ich nicht länger warten. Sie müssen die Zeitungen sehen. Wir ahnten ja nicht – wir wußten nicht – und Sie haben gestern abend auch kein Wort gesagt –. Sind Sie nicht gespannt? Wir haben alle Zeitungen besorgt, auch solche, auf die wir nicht abonniert sind. Hier, bitte!"

Kurzatmig und mit roten Flecken auf den Wangen legte Fräulein Franzen ein Bündel Zeitungen auf Rias Bett. "Hier habe ich Ihnen auch Ihren Kaffee gebracht. Den brauchen Sie sicher." Fräulein Franzen setzte das Tablett auf den Nachttisch.

Ria schlug die erste Zeitung auf und las. Öffnete die nächste und die dritte, die vierte.

„Eine Sternschnuppe leuchtete auf bei der gestrigen Premiere von ,Die Kirche'."

Sie lächelte: Ja, so konnte man es auch nennen. Eine "Sternschnuppe" verschwand ja schnell wieder.

"Ein unbekanntes junges Mädchen legte sich das Premierenpublikum zu Füßen."

"Wer ist Ria Jerring –? Gestern unbekannt, heute berühmt!"

"Eine unglaubliche schauspielerische Leistung, und dies, nachdem sie erst eine Stunde zuvor die Rolle übernommen hatte."

Doch, ja, die Überschriften waren auffallend genug. Und die Kritiken? Lobesworte, Bewunderung. Mehr als das: Die Kritiker waren in Ekstase. Sie hatten ihre größten und überschwenglichsten Worte aus ihrem Vokabular hervorgeholt.

Ria ließ die Zeitung sinken. Erst jetzt begann die Freude richtig in ihr hochzusteigen. Die Freude darüber, ein einzigen; Mal in ihrem Leben solche Kritiken bekommen zu haben, einmal in ihrem Leben hundertprozentig anerkannt worden zu sein.

Ob wohl Klaus die Oslo-Zeitungen las?
***
"Ja, der Herr Professor erwartet Sie. Bitte, ich werde Ihnen den Weg zeigen.“
Die junge Dame im Empfang stand auf und ging vor Ria einen hellen Korridor entlang.

"Darf ich bitten–."

Das Sprechzimmer war groß und hell. Die Fenster gingen auf den Garten der Klinik hinaus. Hinter dem Schreibtisch saß ein grauhaariger Mann mit wachen. klugen Augen hinter starken Brillengläsern. Er stand auf, als Ria hereinkam.

"Guten Tag, Fräulein – äh –." Es war klar, daß er den Namen vergessen hatte. „Sie haben also bei Doktor Lanton gearbeitet?"

"Ja, ich bin das letzte halbe Jahr bei Doktor Lanton gewesen, bis – bis er starb."

„Ich verstehe. Sie haben also ein halbes Jahr bei ihm gearbeitet. Haben Sie selbst medizinische Ausbildung?"

"Leider nicht. Aber ich lernte viel bei Doktor Lanton, und ich habe keinen größeren Wunsch, als diese Arbeit fortsetzen zu können – wenn mich jemand brauchen kann."

"Ich begreife. Und ich bin verblüfft, wieviel Sie von dem Ganzen verstehen, ohne selbst Medizinerin zu sein."

"Es war wohl die Liebe zur Arbeit, die mir half", erklärte Ria einfach.

Der Professor nickte. "Diesen Faktor kann man nicht hoch genug schätzen. Ja, eins kann ich Ihnen gleich sagen: Lantons Ausarbeitungen interessieren mich ungeheuer Ich danke Ihnen, daß Sie damit zu mir gekommen sind. Daß Sie·ein halbes Jahr bei Lanton gearbeitet haben, ist Empfehlung genug. Und wenn er Ihnen außerdem all dies zur Weitergabe hinterlassen hat–." Der Professor legte die Hand auf die Mappe.

Eine heiße Röte stieg in Rias Wangen.

"Meinen Sie das wirklich, Herr Professor? Wissen Sie, daß Sie mir damit meinen größten Wunsch erfüllen?"

"Tue ich das? Nun, wenn man es in seiner Macht hat, einen Menschen so glücklich zu machen, dann muß man das doch wirklich tun. Ich werde Ihnen meinen Assistenzarzt schicken; er ist auch eine Forscherseele von der seltenen Art. Er hat mindestens die Hälfte meiner experimentellen Arbeit getan. Es wird ihn brennend interessieren, von Lanton zu hören. Und falls Sie hier arbeiten, wird es wohl als Assistentin für meinen Assistenten sein."

Ria blieb unbeweglich auf ihrem Stuhl sitzen als sich die Tür hinter dem Professor geschlossen hatte. Es war zu schön, um wahr zu sein! Sie sollte diese Arbeit fortsetzen dürfen, weiterhin ihr Leben auf Lantons Art leben?! Es war das Beste, was das Leben ihr geben konnte, wenn sie sich nun einmal das verscherzt hatte, was ihr Glück hätte sein können.

Hinter ihr wurde eine Tür geöffnet. Sie wandte sich auf dem Stuhl halb um.

„Guten Tag. Ich bin Assistenzarzt bei Professor – lieber Gott!"

Er stand vor ihr, blaß und mager. Groß und schmal in seinem weißen Arztmantel.

"Klaus!"

Es kam heiser und flüsternd heraus. Ria hatte plötzlich keine Stimme mehr.

"Ria! Du bist hier? Du bist es, die –."

"Ja, Klaus. Und du bist also Assistenzarzt beim Professor."

"Ja."

Sie schwiegen. Klaus stand ruhig da, die Augen unverwandt auf Ria geheftet, eine erwachsene Ria, mit einem neuen Ausdruck im Gesicht. Ein Ausdruck, der von Leiden und Enttäuschungen, von Einsamkeit und Niederlagen und dann vom Sieg über die Niederlagen erzählte.

Das also war das kleine Mädchen, das er geliebt hatte, dieses kleine Mädchen, das da vor ihm stand, zur Frau gereift, geläutert im Fegefeuer des Lebens.
***
Heidelberg, 21. Dezember

Liebe Hedwig!

Du bist die einzige, die einen Weihnachtsbrief von mir bekommt. Denn wenn Du glaubst, daß ich Zeit zum Schreiben habe, so irrst Du Dich.

Wir sind nun vierzehn Tage hier. Klaus arbeitet in einem Laboratorium der Universitätsklinik, und ich arbeite mit ihm. Viele Male am Tage senden wir dankbare Gedanken an den guten Doktor Lanton, der uns dies ermöglicht hat. Klaus protestierte ja wild, als ich ihm sagte, ich hätte nichts dagegen, wenn er dieses Studienjahr im Ausland verbringen wolle, das er sich so innig gewünscht hatte. Es ließe sich schon machen. Das fehlte ja gerade noch, daß seine Frau dafür bezahlte, sagte er. Sind Mannsbilder nicht dumm und kurzsichtig? Glaubst Du es, daß ich mich hinsetzen und ihm erklären mußte, dies sei keine Gabe von mir, sondern ein Stipendium vom Lanton, und der wäre heilfroh und hundertprozentig einverstanden, wenn er gewußt hätte, daß ein Teil seines Geldes für so etwas gebraucht würde.

Dank dir für Deine Karte. Wie schön, dass Du diesen Winter in Rom so genießt! Ich werde am ersten Weihnachtsfeiertag an dich denken, wenn Du in der Peterskirche bist. Vielleicht fahren wir nach Köln. Auch wenn wir keine Katholiken sind, möchten wir gern einen Weihnachtstag im Kölner Dom erleben. Das muß zauberhaft sein.

Liebe Hedwig, ich wünsche dir von Herzen ein richtiges, frohes Weihnachten. Ich selbst bin unendlich glücklich. Ganz demütig und unfaßbar glücklich.

Klaus schickt Dir herzliche Grüße. Er lächelt mir gerade vom Schreibtisch her zu, und stell Dir vor, es sieht gerade so aus, als ob er auch glücklich wäre. Ich muß mich in die Arme kneifen, um mich zu überzeugen, daß ich es wirklich bin und daß das Schicksal so unfaßbar gut gegen mich gewesen ist, die ich es doch gar nicht verdient habe.

Deine glückliche Ria

PS: Hast du den Artikel über meine Wenigkeit in" Die Welt der Dame“ gesehen? Den mit der Überschrift "Eine Sternschnuppe am Firmament der Kunst?" Du solltest den Kommentar von Klaus gehört haben!

"Es ist in Ordnung, daß du eine Sternschnuppe auf der Bühne warst, wenn du dir nur klar darüber bist, daß du in rneinem Leben ein Fixstern sein mußt."



ENDE